Zeit

Wir haben uns Zeitmessung und Zeitwahrnehmung im Hochmittelalter angesehen. Der Einblick in das Thema „Zeit“ basiert weitgehend auf dem Buch „Leben im mittelalterlichen Wien“ von Ferdinand Opll. Die Erkenntnisse aus dem Werk sind zusammengefasst und zum besseren Verständnis teilweise ergänzt.
Die Zusammenfassung (pdf, am Ende des Beitrags zum Download) gibt die Zeit-Wahrnehmung mit Schwerpunkt auf dem Leben in der Stadt wieder.
Zeit folgt weitgehend dem Rhythmus der Natur. Arbeitsbeginn ist bei Sonnenaufgang, Heimgehen dürfen zB. die Arbeiter im Weingarten nach Sonnenuntergang „in der Nacht“. Die Tageseinteilung nach der Sonne reicht in weiten Teilen der Bevölkerung völlig aus. Die Kirche gliedert den Tag akustisch durch Glockenläuten in die kanonischen Stunden. In Städten sowie in Klöstern ist in Hörweite diese Zeitwahrnehmung zusätzlich verfügbar.

Zeitmessung

Die Zeitmessung erfolgte mit Sonnenuhren und Sanduhren. Möglich ist auch die Abbrenndauer von Kerzen und Spänen zu verwenden, konkrete Belege dazu liegen nicht vor. Bei der Recherche stoßen wir auf Sonnenuhren an Kirchen, aber sonst keine Belege für die Zeitmessung. Räderuhr, Wasseruhr und Sanduhr fallen als weit verbreitetes Messinstrument aus unserer Sicht weg. Bildquellen sind im pdf angegeben.

Kloster

Im Kloster ist der Tagesabläufe strenger geregelt. Jeder Orden legte seine Regeln fest, sie sind nicht Einheitlich geregelt für Christliche Gemeinsaften. Aber es fallen Gemeinsamkeiten auf:

  • frühes Aufstehen
  • Festgelegte Zeiten zum Gebet
  • Viele Bet-Zeiten, keine langen durchgängigen Arbeitszeiten
  • Gemeinsames Essen

Tagesablauf der Zisterzienser[1] im 13. Jhd. Die Regeln wurden selten aber doch angepasst. Man geht davon aus, dass sie nicht in jedem Kloster exakt gleich gelebt wurden. Die Unterschiede dürfen gering gewesen sein. Da die Zeitmessung auch hier ohne Uhrwerk sondern mit dem Sonnenstand auskommen musst wird sich die tatsächliche Arbeitszeit ebenfalls verschoben haben. Das Läuten der Glocken gibt aber allen am Klostergelände die Möglichkeit rechtzeitig zu den Gebeten zu erscheinen. 

  • 2:00-4:00            Nachtgebet singen (Vigilien)
  • 4:00-6:00             Nachtruhe
  • 6:00-7:00             Prim (1. Stunde =6:00) Morgengebet
  • 7:00-8:00             Versammlung, Arbeitsverteilung, Disziplinarstrafen
  • 8:00-9:00             Arbeit
  • 9:00-10:00           Terz (3. Stunde = 9:00) Gebet
  • 10:00-11:30        Arbeit
  • 11:30-12:00        Sext (6. Stunde = 12:00) Gebet
  • 12:00-13:00        Essen
  • 13:00-14:00        Ruhepause (nachdem sie seit 2 Uhr wach sind)
  • 14:00-15:00        Arbeit
  • 15:00-16:00        Non (9. Stunde = 15:00)
  • 16:00-18:00        Arbeit
  • 18:00-19:00        Vesper, Abendessen; Zu Sonnenuntergang, Zeit ändert sich also übers Jahr
  • 19:00-20:00        Komplet = Schlussgebet unmittelbar vor dem Schlafengehen
  • 20:00-2:00           Nachtruhe

[1] http://www.lexikus.de/bibliothek/Klosterleben-im-Mittelalter/Das-Leben-der-Moenche-in-den-Zisterzienserkloestern/Die-Geluebde-und-Regeln-der-Zisterziensermoenche

Woche

Die Woche hat im Mittelalter eine deutlich größere Bedeutung als das Monat, da Löhne oft wochenweise ausgezahlt wurden. Die Woche kann grob wie folgt strukturiert werden.

  • Sonntag: Beginn der Woche, frei (Gottesdienst, Zeche zahlen, Messe)
  • Montag: erster Arbeitstag. 1419 erstes Verbot des „feierns“ und „blau machen“ am Montag
  • Dienstag in Wien: Wochenmarkt, Versorgung mit Einzelhandelsgütern
  • Mittwoch: keine Besonderheiten bekannt
  • Donnerstag: Arbeitstag, aber auch religiöses Brauchtum (Prozessionen nicht nur am Dründonnerstag, Messe besuchen)
  • Freitag in Wien: Markttag für Krebse und Tiere alle Art
  • Samstag in Wien: Wochenmarkt, Versorgung mit Einzelhandelsgütern

Monate

Tage werden nicht nach gezählten Tagen ab Montagsbeginn gezählt sondern auf einen Tagesheiligen bezogen. Statt Mittwoch, 16.August bezieht man sich auf Mittwoch nach Mariä Himmelfahrt. Die Tagesheiligen sind in der beliegenden Tabelle dargestellt. Da es für jeden Tag viele Heilige gibt wurde eine Auswahl getroffen. Die als Feiertag gekennzeichneten Heiligen sind wichtige Bezugspunkte im Jahr für die Zeitangabe. Die Monate werden regional unterschiedlich benannt, hier für den Wiener Raum[1] (jede Zeile ist ein Quartal):

JännerHartungFebruarHornungMärzLenzing
AprilOstaramondMaiWonnemonatJuniBrachmonat
JuliHeymonatAugustErntingSeptemberHerbstmonat
OktoberWeinmonatNovemberWintermonatDezemberChristmonat

[1] Oppl, F. Leben im Mittelalterlichen Wien

Feiertage

Eine Studie[1] hat ergeben, dass ca. 23-33 Feiertage (je nach Lage der Sonntage) pro Jahr arbeitsfrei waren. An diesen religiösen Festtagen wird die Heiligenverehrung einen zentralen Teil ausgemacht haben. Es wird davon ausgegangen, dass mehr arbeitsfreie Feiertage gelebt wurden. Im 14. Jhd. sind für die Diözese Passau (dazu gehört Wien) 56 Feiertage dokumentiert. Aus dem Kirchenjahrkalender[2] geht für das Jahr 1278 insgesamt 69 Feiertage hervor, inkl. der Sonntage.

 Diese Feiertage sind nicht mit dem heutigen Verständnis von Urlaub zu vergleichen. Es war etwas anderes zu tun: Heilige verehren, gemeinsam den Glauben (er)leben.
[1] Oppl, F. Heiligenfest und Feiertage
[2] http://kirchenkalender.com/

Zeitaufwand

Oft wird angenommen, im Mittelalter hat man viel Zeit. Möglicherweise ist das Gegenteil der Fall wenn man etwa an die Vorratshaltung und Brennholzbeschaffung für den Winter denkt.
Wir stoßen immer wieder auf die Annahme, dass Menschen im Mittelalter viel Zeit hatten. Um diese Wahrnehmung auf die Probe zu stellen haben wir zwei Gedankenexperimente angestellt. Wir wollen damit eine Größenordnung aufzeigen wie viel Arbeitskraft für grundlegende Dinge des Lebens notwendig ist. Die Annahmen sind mit großen Unsicherheiten verbunden, da unsere Lebensrealität mit einem Menschen im Hochmittelalter so wenig gemeinsam hat. Es ist ein Versuch einer Einordnung und daher mehr eine Diskussionsgrundlage (an welchen Parametern sollte man drehen) als abschließende Erkenntnis.

Kleidung

In diesem Gedankenexperiment wollen wir herausfinden wie viel Arbeitskraft notwendig ist um die Kleidung für einen Bauernhof auf Selbstversorgerbasis herzustellen. Mit Arbeitskraft ist gemeint wie viele Personen müssen dafür Arbeiten und stehen nicht für andere Tätigkeiten (Ernte einbringen,…) zur Verfügung. Der Rechenweg ist in der beiliegenden pdf „Zeitaufwand Kleidung herstellen“ dargestellt.
Im ersten Schritt wird die Zeit für die Herstellung einer Tunika aus Schafwolle berechnet. Wir gehen von 3×1,4m Stoff dafür aus. Das bedeutet wir starten gedanklich beim Scheren des Schafes, reinigen und kardieren der Wolle und gehen über das Spinnen zum Weben bis wir schließlich Zuschneiden und Nähen können.
Die zeitaufwändigen Schritte sind dabei das Spinnen und verzwirnen mit ca. 370h gefolgt vom Weben mit ca. 110h. Insgesamt kommt der Rechenansatz auf 530h für eine Tunika.


Im nächsten Schritt wollen wir einschätzen wie viele Tage jemand im Haushalt mit der Produktion beschäftig ist. Dabei wird berücksichtigt, dass während der durchschnittlich 14h Tätikgkeitszeit pro Tag ein Teil für Körperpflege, Klogehen, Kochen (Textilarbeit ist in diesem Ansatz Frauen vorbehalten), Kinderbetreuung, Wasser holen abgezogen wird. Es bleiben 9h reine Textilarbeitszeit. Zusätzlich wird an Sonntagen nicht gearbeitet bzw. ist für den Gottesdienst Zeit einzuplanen. Durchschnittlich 2 Feiertage im Monat inkl. einem Tag Vorbereitung werden von der Textil Arbeitszeit abgezogen. Da kirchliche Feiertage im Mittelalter einen hohen Stellenwert hatten wird diese Zeit für die Vorbereitung (Blumenschmuck herstellen, Beichte, Gebete, Festessen organisieren,…) berücksichtigt. Unter diesen Annahmen benötigt eine Frau 11 Wochen für die Herstellung der Tunika.
Zuletzt wird die Überlegung angestellt, wie häufig die Kleidung eines Hofes erneuert werden muss. Zwischen Wolle und Leinen wird dabei nicht unterschieden. Auch die Färbung wird nicht berücksichtigt.

An einem Hof werden 8 arbeitende Erwachsene angenommen. Kinder werden nicht eingerechnet. Bei einem Selbstversuch haben Mittelalterbegeisterte (ich glaube es waren Mitglieder von Historia Vivens 1300) versucht das Gewand eine Woche nicht zu wechseln. Es zeigte sich, dass nach etwa 3 Tagen die Leinentunika am Körper „klebt“ und die Bewegung einschränkt oder beschädigt wird beim Versuch sich normal zu bewegen. Daher wird angenommen, dass jede Person 3 Arbeitsgarnituren hat und eine „Sonntagsgarnitur“ für den Kirchengang.
Zusammen ergeben sich 88 große Kleidungsstücke. Socken, Gebände, Bundhaube usw. werden nicht berücksichtigt.
Davon werden 36 Stück Leinentunika und Bruchen als stark belastete Arbeitskleidung angesehen. Bei einer angenommenen Lebensdauer von 10 Jahren (Tragezeit 100 Tage/Jahr) bis sie ersetzt werden muss ist eine Arbeitszeit von 33 Jahren notwendig. Um das innerhalb der Lebensdauer zu schaffen wären von 8 arbeitsfähigen Menschen am Hof 4 Personen nur mit der Erneuerung der Arbeitskleidung befasst.


Zusätzlich ist die schwach belastete Kleidung (Kälteschutz, Ausgehkleidung) zu erhalten. Das wären in unserem Ansatz 52 Stück Kleidung. Wenn diese 30 Jahre hält wären 47 Arbeitsjahre für den Hof notwendig. Dafür müssten also 2 Personen ständig an der Kleidung arbeiten. Hier stellt sich die Frage ob die Ausgehkleidung nicht mit deutlich mehr Sorgfalt erhalten wurde und möglicherweise sogar über eine oder mehr Generationen vererbt wurde. Mottenbefall einmal ausgeschlossen.

Erkenntnis:
Auch wenn die Annahmen große Unsicherheiten bergen erscheint der Zeitaufwand für Kleidung ein wesentlicher Teil des Alltags zu sein. Selbst wenn wir sehr vorsichtige (ungünstig hohe) Ansätze gewählt hätten: bei doppelter Leistung wären immer noch 3 von 8 Personen am Hof nur für die Kleidungsproduktion gebunden.

Brennholz

Dieses Gedankenexperiment möchte eine Einschätzung geben wie lange es dauert damit ein Hof Brennholz für ein Jahr bevorraten kann. Die Berechnung ist in der beiliegenden pdf „Zeitaufwand Brennholz herstellen“ nachzulesen.
Zuerst wollen wir einen Ansatz treffen für den Brennholz bedarf. Für die Beheizung wird von einem Dauerbetrieb in der Kalten Jahreszeit ausgegangen. Abgeleitet aus einem haustechnischen Berechnungsansatz wird eine Heizlast von 6 kW für einen 40m² Wohnbereich angesetzt. Der Wirkungsgrad der offenen Feuerstelle wird mit 20% angesetzt. Daraus ergibt sich ein Bedarf von 21 Raummetern (RM) pro Jahr.


Für die wärmere Jahreszeit wird ein Kochereignis pro Tag angenommen mit einer Kochzeit von 3h. Daraus ergeben sich zusätzlich rund 5 RM pro Jahr. Insgesamt würde der Hof pro Jahr 26 Raummeter trockenes Hartholz verbrauchen.
Einen Raummeter bekommt man aus einem Baum mit 10m Höhe und c.a 30cm mittlerem Durchmesser. Pro Baum sind wir mit den einzelnen Arbeitsschritten auf ca. 1 Tag Fällen, Aufbereiten und Transport sowie 1 Tag für Sägen, Spalten und Aufstapeln gekommen. Unter Berücksichtigung der Sonntage, Feiertage und Pausen für Essen, Klogehen, Waschen,… wären zwei Personen 7-8 Wochen pro Jahr beschäftigt.

Erkenntnis:
Die 8 Wochen für zwei Personen sind immer noch 2 Monate in denen keine Nahrung produziert oder Tiere gehütet werden. Brennholz ist natürlich ein wesentlicher Teil der das Überleben des Hofes sichert. Aus der Notwendigkeit von Brennholz ergibt sich für mich die Schlussfolgerung, dass jeder Hof ein Waldnutzungsrecht haben musste. Das schließt Bannforste für Herrscher nicht aus, aber die Vorstellung keiner darf/will in den Wald gehen ist grundsätzlich zu hinterfragen.

Recherche, Quellen

Hier findet ihr die Recherche mit Quellenangaben. Als schneller Überblick ist das wichtigste auf einem Flipchart zusammengefasst.

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