1. Lebensumstände
Die Grundlage der Entwicklung im MA bildete eine ausreichende Nahrungsmittelversorgung. Ohne Überschüsse wäre eine Gesellschaftliche, Wirtschaftliche und Militärische Entwicklung kaum nachvollziehbar.
Wir haben nachvollziehbare (weil schriftliche) Quellen über die Lebensumstände von Adeligen und Klöstern, auch in der Stadt ist einiges vorhanden.
Aus unseren Überlegungen zum Thema Zeit haben wir Hinweise erarbeitet, dass die Überproduktion von Gütern zeitaufwändig ist. Es wird wenig Hilfsenergie in Form von Wasser- und selten Windkraft eingesetzt. Die Dampfmaschine ist noch nicht erfunden. Muskelkraft von vielen Menschen ist notwendig um die Nahrungsmittel, Werkzeuge und Luxusgüter herzustellen.
Die Entwicklung hängt also wesentlich davon ab, dass viel hergestellt wird.
2. Bevölkerungsgruppen
Die Bevölkerungsgruppen lassen sich im Mittelalter ebenso schwer exakt definieren wie heute. Heute ziehen wir ein Medianeinkommen heran um zwischen Arm und Mittelstand zu unterscheiden. Die Grenze zwischen Mittelstand und Reichtum ist ebenso nicht einfach am Vermögen oder Einkommen festzumachen, auch wenn absurd hohe Einkommen klar einem subjektiv reichen Menschen zugeordnet werden.
Für die Betrachtung der mittelalterlichen Gesellschaft möchte ich eine (subjektive) Zusammenfassung vorstellen. Sie basiert unter anderem auf der Vorlesung „Die deutsche Königswahl im Hoch- und Spätmittelalter“ [[1]] von Prof. Jenks an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg.
Mir ist keine quantitative Forschung zur Anzahl der verschiedenen Berufe / Adelsstände / Kleriker bekannt. Selbst zur Gesamtzahl der Bevölkerung haben Studien mangels Volkszählungen nur Schätzungen mit großen Unsicherheiten ermittelt.[2]
Es wird folgende Einteilung vorgeschlagen:
- Fürsten, reiche Personen:
- Alle die sich selten die Hände schmutzig machen.
- Oft gleichzeitig Machthaber, Amtsträger
- geistliche Adelige
- weltliche Adelige
- Vorsteher großer Ballungsräume (Ratsmitglieder, Bürgermeister)
- Fernhändler
- Arbeitende:
- Alle Produzierenden.
- Handwerker (auch wohlhabende)
- Krieger, Wächter
- Bauern inkl. Dorfvorsteher,
- Mönche und Nonnen,
- Laienbrüder und -Schwestern,
- Künstler, Barden, fahrendes Volk
- Knechte,
- Tagelöhner,
- Alte, noch arbeitsfähige Menschen.
- Nicht arbeitende arme Menschen:
- Kinder
- Alte Menschen, zB in Hospizen (in Wien gabs 3 davon im HoMi) oder am Hof
- Bettler – auch wenn sie für das Seelenheil der Reichen notwendig sind. Wem sollen sie sonst Almosen spenden um in den Himmel zu kommen?
Die Gliederung geht bewusst nicht auf Ansehen, Status oder Besitz ein, sondern wie der eigene Lebensunterhalt verdient wird. Also durch Macht/Eigentum oder „echte“ Leistung (Handwerk, Produktion, Unterhaltung) oder passiv durch Almosen anderer.
3. Bevölkerungsverteilung
Die gesamte Bevölkerung im hl. Röm. Reich wird für unsere Überlegungen in der Mitte des 12.Jhd mit rund 10 Millionen Einwohnern angesetzt, siehe Abbildung 1.
Abbildung 1: Geschätzte Bevölkerung im heiligen Römischen Reich[3]
Zum Vergleich hier die Anzahl der heute auf dem Gebiet lebenden Meschen[4] (gerundet auf 10 Mio.):
- Deutschland 80 Mio.
- Belgien 10 Mio.
- Niederlande 20 Mio.
- Frankreich 10 Mio. (Anteil am Gebiet des hl. Röm. Reiches)
- Italien 40 Mio. (Anteil am Gebiet des hl. Röm. Reiches)
- Österreich 10 Mio.
- Polen 40 Mio.
- Tschechien 10 Mio.
- Schweiz 10 Mio.
Summe 230 Mio.
| *Bild einfügen* Bevölkerung im hl. Röm. Reich im 12. Jhd | Bevölkerung am Gebiet des hl. Röm. Reiches heute |
Um eine Größenordnung für die Anzahl der arbeitsunfähigen Menschen zu finden wird die Bevölkerungspyramide von Österreich aus dem Jahr 1952 gewählt. Der Ansatz ist pragmatisch gewählt: es ist die älteste graphisch aufbereitete Bevölkerungspyramide auf der Website der Statistik Austria. Die ungünstige Versorgungslage der letzten Jahrzehnte und einer genauen Volkszählung sollten uns eine gute Datenbasis geben. Wir nehmen Kinder ab 12 in den Arbeitsalltag auf (ca. 18%) und scheiden Erwachse über 65 wieder aus dem aktiven Arbeitsleben aus (ca. 11%) = ca. 30%. Die Einschnitte aus den Weltkriegen sind deutlich erkennbar. Im 13. Jhd. sind keine derart großen Ereignisse bekannt, der Anteil der aktiv Arbeitenden wird daher etwas höher angesetzt mit 75% statt 70%.
Abbildung 2: Bevölkerungspyramide Österreich 1952[5]
Mit diesen Annahmen werden die ca. 10 Mio. Menschen auf die Gruppen aufgeteilt.
| Gruppe | Anteil der Bevölkerung | Personenzahl |
| Fürsten, reiche Personen | 0,5 % | 50.000 |
| Arbeitende | 75 % | 7.500.000 |
| Nicht Arbeitende (Kinder, Alte, Bedürftige,…) | 24,5 % | 2.450.000 |
| Summe hl. Röm. Reich 12. Jhd | 10 Mio. |
In all diesen Überlegungen wird „Arbeiten“ als jegliche Tätigkeit zum Überleben gezählt, also auch Räuber, Diebe, faule Schmarotzer,…
Es wird angenommen, dass sich die Herrschenden in ihren (teils mehreren) Herrschaftssitzen aufhielten. Ein Teil davon können Städte sein, aber häufiger dürfte eine befestigte Anlage mit angegliederter Produktion sein. Städte entwickeln sich im HoMi verstärkt, daher setzen wir eine Teilung an zwischen Stadt- und Landbewohnern. Städte bieten den Vorteil geschützter Märkte und sind für Herrschende auch als Einnahmequelle bzw. „Bank“ interessant.
In der Tabelle sind einige große Städte aufgelistet. Inklusive der Kleinstädte wird ein Anteil von 5% der Menschen in der Stadt berechnet für das 12. Jhd. Das ist mit einer großen Unsicherheit behaftet. Die Recherche deutet darauf hin, dass noch ein sehr kleiner Teil der Menschen in Städten lebten. Absolut gesehen wären das etwa 5%, das entspricht rund 500.000 Personen.
| Stadtgrößen im Hochmittelalter (Werte gerundet und angenähert) | ||
| Stadt | Personen | Info |
| Köln | 25.000 | Quelle: Wikipedia |
| Nürnberg | 20.000 | Quelle: Wikipedia |
| Lübeck | 10.000 | Quelle: Wikipedia |
| Danzig | 10.000 | Quelle: Wikipedia |
| Bremen | 5.000 | Quelle: Wikipedia |
| Hamburg | 5.000 | Quelle: Wikipedia |
| Rostock | 5.000 | Quelle: Wikipedia |
| Breslau | 10.000 | Quelle: Wikipedia |
| Augsburg | 10.000 | Quelle: Wikipedia |
| Braunschweig | 5.000 | Quelle: Wikipedia |
| Lüneburg | 5.000 | Quelle: Wikipedia |
| Ulm | 5.000 | Quelle: Wikipedia |
| Würzburg | 5.000 | Quelle: Wikipedia |
| Kleinstädte | 60.000 | ca. 300 Kleinstädte; Annahme 200 Personen im Durchschnitt |
| Summe | 180.000 | |
| D Anteil | 35% | Anteil der Bevölkerung auf heutigem D Staatsgebiet |
| D Gesamt | 3,5 Mio. | Personen im hl. Röm Reich auf D Staatsgebiet |
| Es leben ca. | 5% | der Bevölkerung in Städten |
Zusatzinfo: heut leben in Österreich rund 60% der Menschen in einer Stadt.
Die Bevölkerung kann in der „doppelt gehörnten Zwiebel“ visualisiert werden. Die beiden Spitzen entstehen durch den Papst als geistlichen Führer und den unterstützenden Klerus auf einer Seite. Auf der zweiten Seite steht der König und die weltlichen Fürsten. Der Übergang zwischen den Gruppen sollte gleitend verstanden werden, eine harte und klar definierte Grenze lässt sich nicht festmachen. Das deuten die Farbübergänge an. Die vermeintlich geringe Anzahl von Adeligen ergibt sich auch durch die Doppelaufgabe „kleiner“ Adeliger die an der Produktion am eigenen Betrieb mitwirken müssen.
[1] Jenks, Prof. Dr. Stuart; Die deutsche Königswahl im Hoch- und Spätmittelalter; Präsentation zur Vorlesung 2009; Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
[2] https://www.google.com/url?sa=t&source=web&rct=j&opi=89978449&url=https://freidok.uni-freiburg.de/files/7324/3MkJO1JWist-GAr5/Steuer_Determinanten_der_Bevoelkerungsentwicklung.pdf&ved=2ahUKEwim6Mnzt5mMAxUTQvEDHbzsDDYQFnoECBIQAQ&usg=AOvVaw0b9mqc7WShRqrOAp7fa1Ts
[3] https://www.heiliges-römisches-reich.de/bevoelkerung.html Abgerufen am 3.3.2025
[4] https://www.destatis.de/Europa/DE/Thema/Basistabelle/Bevoelkerung.html Abgerufen am 20.3.2025
[5]https://www.statistik.at/atlas/bev_prognose/#!y=1952&a=12,65&v=0&g Abgerufen am 7.4.2025